Runter vom Gas

Als ich letztens von Berlin nach München fuhr, fiel mir ziemlich spät etwas auf – nämlich erst nach der rettenden Grenze zwischen Thüringen und Bayern, stark markiert durch die wundervolle A-Raststätte “Frankenwald” in der einem gut 2 Jahrzehnte nach Mauerfall noch klar wird, was die Mauer da getrennt hat. Ziemlich spät, da ich den größten Teil der Strecke schon hinter mir hatte und geistig die letzten 380 km keine Leistung erbracht hatte außer einige Musikstücke mitzugrölen und geradeaus zu fahren. Da gibt es über die gesamte Strecke neben der Autobahn deutlich sichtbar für die vorbeifahrenden Mitbürger Schilder, die tragische Lebenssituationen anzeigen. Es sind Szenen aus dem Krankenhaus oder genauer der Intensivstation in denen sich besorgte Familienmitglieder über verunfallte (weil zu doll aufs Gas getretene) Opfer beugen. Dabei fiel mir auf, dass die aktuelle Kampagne zweimal einen verletzten Mann mit einer darübergebeugten (wahrscheinlich seiner eigenen) Frau und einmal eine junge Frau mit einer darübergebeugten Mutter als Opfer darstellt. Beim Weiterfahren wurde mir klar, dass die vorhergehende Kampagne noch ein Stück weitergegangen war. Bei dieser handelte es sich nicht um Verletzte sondern um Tote (auf der Straße verstorben aufgrund zu hohen Tempos). Es waren dabei:  Ein toter Mann, durch seine Frau betrauert. Ein totes Elternpaar, deren Bild in Trauer von dem gemeinsamen (!) Kind gehalten wird. Ein toter Mann, der von seiner Frau/Lebensgefährtin und dem gemeinsamen (!) Kind betrauert wird.
Ich finde mich da einfach nicht wieder. Ich fühlte mich nicht angesprochen, warum es mich auch irgendwie nicht vom Gaspedal runterholte, obwohl die trauernden Kinder vielleicht auch um einen Papa trauern der ohne eigenes Zutun aber aufgrund des Fehlerverhaltens irgendeiner durchgeknallten Braut sein Leben auf der Straße lassen muss. Nur weil die mit den hohen Absätzen sich unter dem Gas festgehakt hat. Eigentlich auch Blödsinn bei der heutigen Tempomaten-Technik. Wo bin ich? Ich  bin nicht die von der Mutter betrauerten intensivbetreuten junge Frau, meine Mama wäre sicher betroffen doch aufgrund hohen Alters nicht in der Lage das Krankenhaus, in deren Nähe es mich zerreissen würde, sebstständig zu erreichen. Auch bin ich nicht die, die sich über den Typ beugt, der da liegt. Und was die Todesserie dieser Kampagne (übrigens unter www.dvr.de/aktonen/runter-vom-gas.htm anzuschauen – wenn man nicht die Muße hat sich diese Bilder beim Autofahren anzusehen) angeht – ich darf um meinen Mann trauern, “unsere” Kinder dürfen gleich um uns beide trauen, also um mich und meinen Mann und … ja und ich? Darf ich mich vielleicht auch bitte mit gebührendem Pomp totfahren? Wo ist der hübsche junge Mann inklusive Kind, der mein Bild hält während er um mich trauert? Wo ist der gutaussehende Mann der sich über mein Bett beugt, besorgt, und um meine Genesung bangt? Mir bleibt nur die Mutter.  Liebe Mama, nicht dass mir das nicht reicht, ich freu mich wenn Du mich besuchst und führe mich ungern dafür extra zu Klump.

Was bedeutet das? Ich versuch mal das zu interpretieren:
1) Frauen fahren besser Auto und fahren sich und andere deswegen nicht schuldhaft tot.
2) Die Öffentlichkeit fragt sich beim Anblick einer sich totgefahrenen und verheirateten Frau wo denn der Mann war als sie die Kurve nicht kriegte. Wieso fährt die selbst?
3) Frauen sollten eigentlich überhaupt nicht am Straßenverkehr teilnehmen mit mehr als 0,23 PS.
Passt alles nicht wirklich, aber im Ernst: Warum sterben wir in dieser Anti-Schnellfahrkampagne eigentlich nur als Beifahrer?

Ganz ehrlich? Ich habe nicht den Schimmer einer Idee.

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